Ernährung gehört verstärkt auf die Agenda

Neues Positionspapier der Bundeszahnärztekammer

Eine kurze Bestandsaufnahme zur Ernährungszahnmedizin zeigt: In Deutschland nehmen die Menschen im westeuropäischen Vergleich den meisten Zucker über Softdrinks auf. Laut der Verbraucherorganisation foodwatch lag allein der durchschnittliche Konsum durch gesüßte Getränke im Jahr 2023 bei 23 Gramm pro Tag – umgerechnet 8,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr [foodwatch, 2024]. Auch der Pro-Kopf-Zuckerkonsum ist nach wie vor zu hoch: Zuletzt betrug er 33,2 Kilogramm pro Jahr und überschritt damit die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Höchstmenge um das Doppelte. Diese empfiehlt Erwachsenen maximal eine Gesamtzuckermenge von 25 bis 50 Gramm pro Tag. Für Kinder sollte Zucker höchstens zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen [foodwatch, 2024; WHO, 2015].

Vor diesem Hintergrund hat die BZÄK ihr neues Positionspapier vorgelegt. Es geht auf die gesundheitlichen Risiken einer unausgewogenen Ernährung und eines übermäßigen Zuckerkonsums für die Mund- und Allgemeingesundheit ein, gibt Zahnärztinnen und Zahnärzten Empfehlungen zur Ernährungsberatung in der zahnärztlichen Praxis und fordert die politischen Akteure zu verstärkten präventiven Maßnahmen auf.

Ein funktionierendes Beispiel für eine erfolgreiche Reduktion des Zuckergehalts in Erfrischungsgetränken liefert Großbritannien. Dort wurde 2018 eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Bereits die Ankündigung dieser Maßnahme führte damals zu einer drastischen Reduktion des Zuckergehalts und damit -konsums über Softdrinks. Heute liegt dieser fünf Gramm pro Tag und Kopf unter dem deutschen Niveau. Vor der Einführung war der Zuckerkonsum über Softdrinks in beiden Ländern ähnlich hoch gewesen. Ab Oktober 2025 will die britische Regierung die Zuckersteuer mit Werbeeinschränkungen für ungesunde Lebensmittel flankieren.

Der Zusammenhang von Mundgesundheit und Allgemeingesundheit ist durch wissenschaftliche Studien hinreichend belegt: Ein übermäßiger Zuckerkonsum ist nicht nur die Hauptursache für Karies, sondern erhöht auch das Risiko für chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten, und zwar von frühester Kindheit an. Entzündliche Prozesse in der Mundhöhle können systemische Entzündungsreaktionen begünstigen und so den Verlauf dieser Krankheiten negativ beeinflussen [Hujoel, 2009; Wölber, 2020].

Die WHO hat diesen Zusammenhang anerkannt und im Jahr 2023 im „Global Oral Health Action Plan 2023–2030“ sowie ein Jahr später erneut in der „Bangkok Declaration – No Health Without Oral Health: Towards Universal Health Coverage for Oral Health by 2030“ deutlich hervorgehoben [WHO, 2024a; WHO, 2024b]. Beide Dokumente unterstreichen, dass Mundgesundheit als integraler Bestandteil der Gesamtgesundheit stärker in gesundheitspolitische Maßnahmen einbezogen werden muss. Angesichts der steigenden Prävalenz nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs) erfordert eine nachhaltige Gesundheitsprävention einen interdisziplinären Ansatz, der die zahnmedizinische Versorgung einschließt. Die Ernährungsweise spielt dabei eine wichtige Rolle.

Zuckerreiche, hochverarbeitete Lebensmittel fördern nicht nur Karies, Gingivitis und Parodontitis, sondern begünstigen durch ihre entzündungsfördernden Eigenschaften auch systemische Erkrankungen. Dem gegenüber steht eine hauptsächlich pflanzenbasierte Vollwerternährung mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und ungesättigten Fettsäuren, die sowohl die Mund- als auch die Allgemeingesundheit positiv beeinflussen kann. Eine gute Orientierung geben die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) [DGE, 2024].

In ihrem Positionspapier greift die BZÄK all diese Aspekte auf. Sie weist darauf hin, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte durch eine gezielte Ernährungsberatung einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten können. Oft erkennen sie als erste die Anzeichen einer unausgewogenen Ernährung oder entzündlicher Prozesse im Körper – lange bevor systemische Erkrankungen auftreten. Dank der regelmäßigen Patientenkontakte bietet sich in den Praxen die Möglichkeit, frühzeitig auf Gesundheitsrisiken hinzuweisen und präventive Maßnahmen anzustoßen.

Die Zahnmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten Präventionserfolge bei der Mundgesundheit dokumentiert, die in anderen medizinischen Bereichen beispiellos sind. Durch gezielte Vorsorgemaßnahmen konnte die Mundgesundheit erheblich verbessert werden, während kostspielige „Reparaturleistungen“ rückläufig sind. Dies zeigt, dass präventive Konzepte nicht nur im zahnmedizinischen Bereich, sondern auch für die allgemeine Gesundheit große Potenziale bieten – auch durch eine verstärkte Integration von kurzen Ernährungsberatungsimpulsen in den Praxisalltag.

Die Politik habe bisher, kritisiert die BZÄK in ihrem Papier, weitgehend auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie gesetzt – mit mäßigem Erfolg. Der jährliche Pro-Kopf-Zuckerkonsum liege seit Jahren weit über den Empfehlungen der WHO. Diese Entwicklung hat gesundheitliche Folgen: Rund 54 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind übergewichtig, fast 13 Millionen Erwachsene leiden an Adipositas. Mehr als 15 Prozent der deutschen Kinder sind übergewichtig, knapp sechs Prozent adipös. Gleichzeitig steigt die Prävalenz ernährungsbedingter Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes seit Jahren kontinuierlich. Deutschlandweit sind (immer noch) durchschnittlich 15 Prozent der unter dreijährigen Kinder von Karies betroffen, besonders Kinder aus Familien in sozial schwierigen Lebenslagen leiden unter frühkindlicher Karies (Early Childhood Caries, ECC). In sozialen Brennpunkten steigen die Prävalenzen der ECC bis auf etwa 40 Prozent [Team DAJ, 2017].

Vor diesem Hintergrund hat die BZÄK neben den kurzen Ernährungsberatungsimpulsen für die zahnärztliche Praxis auch klare Forderungen an die Politik formuliert. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören unter anderem:

  1. Einführung einer Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke

  2. Eine verpflichtende Lebensmittelkennzeichnung

  3. Werbebeschränkungen für stark gezuckerte Produkte, insbesondere für Kinder

  4. Eine steuerliche Neustrukturierung von Lebensmitteln: Zucker sollte nicht mehr als Grundnahrungsmittel gelten und steuerlich höher belastet werden, während gesunde Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte steuerlich entlastet werden sollten.

Prävention wird in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle in der Gesundheitspolitik spielen – insbesondere angesichts steigender Gesundheitskosten und einer alternden Bevölkerung. Viele Erkrankungen lassen sich durch eine gesunde Ernährung positiv beeinflussen. Doch neben der individuellen Aufklärung sind wirksame politische Maßnahmen erforderlich. Internationale Beispiele zeigen, dass regulatorische Instrumente wie eine Zuckersteuer den Konsum effektiv senken können [Heilmann und Ziller, 2021].

Die BZÄK fordert die neu gewählte Bundesregierung auf, im Gesundheitsbereich verstärkt auf Prävention zu setzen und hierbei das Thema Ernährung unter Einbeziehung der zahnmedizinischen Expertise zu priorisieren. Eine deutliche Zuckerreduktion durch verhältnispräventive Maßnahmen fördert eine gesunde Ernährung, wirkt ernährungsbedingten Krankheiten entgegen und entlastet das Gesundheitssystem.

Lesen Sie die vollständige MItteilung auf www.zm-online.de

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