Wie schwierig so ein Unterfangen ist, kann man an anderen chronischen, lebensstil-abhängigen Erkrankungen erkennen, bei denen es kaum gelungen ist, die Verbreitung relevant einzudämmen – im Gegenteil: Einige der chronischen (engl. non-communicable diseases = nicht übertragbare) Erkrankungen verlagern sich sogar ins jüngere Lebensalter und kommen bereits bei Kindern vor; dazu gehören beispielsweise Adipositas oder Diabetes. Dieses Phänomen heißt Morbiditätsexpansion und ist im Grunde genommen ein Versagen der Prävention.
In der Zahnmedizin erleben wir hingegen eine Präventionsexpansion unerwarteten Ausmaßes, denn die Erfolge der Prävention, die in der Kindheit angelegt werden, reichen mittlerweile bis ins Erwachsenenalter: Zu Beginn unserer Kariesmessungen im Jahr 1989 gab es hierzulande praktisch keine Menschen im Erwachsenenalter, die noch kariesfrei waren. Stattdessen konnte man damals sagen: In der Mitte des Lebens wies die Hälfte des Gebisses eine Karieserfahrung auf. Als Karieserfahrung bezeichnet man die Gesamtheit der durch Karies oder Kariesfolgen (Füllungen oder andere Restaurationen, Zahnverluste) betroffenen Zähne eines Gebisses; sie wird in der Epidemiologie mit dem DMFT-Index gemessen. In Zahlen ausgedrückt bedeutete dies für die Karieserfahrung der jüngeren Erwachsenen zur Wendezeit mehr als fünf (!) fehlende Zähne; heute fehlt in diesem Alter durchschnittlich ein Zahn.
Hinzu kommt, dass der Versorgungsgrad bei Karies erheblich gestiegen ist. So findet man statistisch betrachtet heute bei lediglich jedem zweiten Erwachsenen eine unbehandelte Karies (inklusive Sekundärkaries); damals waren es fast zwei kariöse Zähne bei jedem Erwachsenen! Diese Entwicklung spiegelt sich logischerweise auch in den Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung wider: Zahnextraktionen sind seit 2003 um 26 Prozent zurückgegangen, Füllungen um 37 Prozent.
Zum ersten Mal in einer Deutschen Mundgesundheitsstudie wurden Studienteilnehmende aus der Vorgängeruntersuchung nach neun Jahren erneut zahnmedizinisch-klinisch untersucht und sozialwissenschaftlich befragt. Diese grundlegende Erweiterung des Studiendesigns ermöglicht nun neben der Beschreibung von Erkrankungslasten (Prävalenz) und Risikoassoziationen zum Verhalten auch Aussagen darüber, wann Erkrankungen überhaupt einsetzen (Inzidenz) und wie sich die oralen Erkrankungen über den Zeitraum entwickeln (Progression). So konnten wir beispielsweise zum ersten Mal beobachten, wie sich frühe kariöse Läsionen (Initialläsionen) über einen Zeitraum von fast einer Dekade darstellen. Sind dies die Füllungen von morgen? Mitnichten!
Initialläsionen, also white spots, gehen bei nur 20 Prozent der Kinder bis zur Volljährigkeit in eine etablierte Läsion über; drei Viertel der Läsionen heilen in dieser Zeit aus. Die Reaktivität initialer Läsionen nimmt mit dem Alter ab, so dass im Erwachsenenalter jede dritte Initialläsion in eine etablierte Karies mit Kavitation übergeht und im Seniorenalter erhöht sich dieser Anteil auf fast jede zweite Läsion.
Diese Erkenntnis einer grundsätzlich hohen Reversibilität initialer kariöser Läsionen unter Alltagsbedingungen – wie sie hier gezeigt wurde – sollte unbedingt dazu genutzt werden, um eine systematische non-invasive Therapie zum Standard zu machen. Als breitenwirksame Therapie ist seit Langem hochdosiertes Fluorid anerkannt und im Rahmen der Individualprophylaxe auch Bestandteil der GKV.
Unsere Daten zeigen allerdings, dass dies in jedem Lebensalter möglich ist. Aus den bereits vorliegenden Querschnittsergebnissen der DMS • 6 sind bereits die Hoch-Risikogruppen für Karies identifiziert: Menschen aus bildungsfernen Gruppen weisen eine viermal so hohe Karieslast (und später auch Zahnlosigkeit!) auf wie Menschen aus der hohen Bildungsgruppe. Ein noch höheres Risiko zeigen Menschen mit einer Migrationsgeschichte und Menschen mit allgemeinmedizinischen chronischen Erkrankungen wie Diabetes. Es wird Aufgabe der Präventivzahnmedizin sein, für diese speziellen Risikogruppen wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln und zur Breitenanwendung zu bringen. Für die frühkindliche Karies wurden solche Strategien unlängst mit der verbindlichen Aufnahme von Karies-Früherkennungsuntersuchungen ins Gelbe Untersuchungsheft implementiert und die folgenden Mundgesundheitsstudien sollten deren Wirksamkeit überprüfen.
Aus dem longitudinalen Studienarm der DMS • 6 ergeben sich hinsichtlich der Kariesdynamik darüber hinaus weitere Erkenntnisse. Zwar war aus den bisherigen Ergebnissen bereits bekannt, dass es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Karieslast bei Kindern und Erwachsenen gibt (sowohl bei der Prävalenz als auch beim Ausmaß), aber erst jetzt lässt sich die Dynamik genauer beschreiben: Im Zeitraum zwischen zwölf und 20 Jahren halbiert sich der Anteil kariesfreier Jugendlicher von 82 Prozent auf 48 Prozent.
Es zeigt sich auch, dass es von Vorteil ist, kariesfrei in die Pubertät zu gehen, denn weniger als die Hälfte der kariesfreien Kinder entwickeln während dieser Zeit eine Karieserfahrung (Inzidenz: 43 Prozent). Wenn bereits eine Karieserfahrung vorlag, sind es gut zehn Prozentpunkte mehr, bei denen es zu einem Fortschreiten der Karieserfahrung kommt (Progression: 54 Prozent).
Aus dem longitudinalen Studienarm der DMS • 6 ergeben sich hinsichtlich der Kariesdynamik darüber hinaus weitere Erkenntnisse. Zwar war aus den bisherigen Ergebnissen bereits bekannt, dass es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Karieslast bei Kindern und Erwachsenen gibt (sowohl bei der Prävalenz als auch beim Ausmaß), aber erst jetzt lässt sich die Dynamik genauer beschreiben: Im Zeitraum zwischen zwölf und 20 Jahren halbiert sich der Anteil kariesfreier Jugendlicher von 82 Prozent auf 48 Prozent.
Es zeigt sich auch, dass es von Vorteil ist, kariesfrei in die Pubertät zu gehen, denn weniger als die Hälfte der kariesfreien Kinder entwickeln während dieser Zeit eine Karieserfahrung (Inzidenz: 43 Prozent). Wenn bereits eine Karieserfahrung vorlag, sind es gut zehn Prozentpunkte mehr, bei denen es zu einem Fortschreiten der Karieserfahrung kommt (Progression: 54 Prozent). Die Adoleszenz/Pubertät ist also ein Risikojahrzehnt für Karies. Das Ausmaß dieses Prozesses ist – unabhängig davon, ob vorher kariesfrei oder nicht – allerdings mit einem Zahn begrenzt. Und da der Sanierungsgrad der Kronenkaries in Deutschland grundsätzlich sehr hoch ist und in allen Altersgruppen bei über 90 Prozent liegt, lassen sich unbehandelte Läsionen kaum ausmachen, sondern die Karieserfahrung zeigt sich epidemiologisch überwiegend als Restauration.
In diesem Alter dominieren ganz überwiegend zahnfarbene, plastische Füllungen. Diese doch hohe Kariesaktivität während der Pubertät flacht dann im weiteren Lebenslauf wieder ab, so dass es geboten scheint, während der Adoleszenz einen neuen, weiteren kariespräventiven Fokus in der zahnmedizinischen Gesundheitsversorgung zu setzen, um den Anteil kariesfreier Menschen über die Pubertät hinaus weiter hochzuhalten.
Die passenden Strukturen hierfür sind mit der Individualprophylaxe (IP) bereits etabliert. Allerdings zeigen die Abrechnungsdaten der KZBV, dass es bei der Inanspruchnahme der IP ab dem neunten Lebensjahr zu einem kontinuierlichen Abfall kommt.
Daraus lässt sich für die zahnärztliche Praxis schlussfolgern, dass einerseits neue, altersadäquate Impulse für eine weiter hohe Inanspruchnahme der IP über den gesamten Leistungszeitraum bis zur Volljährigkeit gegeben werden müssen. Andererseits: Die Unterstützung zur Aufrechterhaltung einer wirksamen Mundhygiene und eines entsprechenden Mundgesundheitsverhaltens in dieser Zeit sollte einen entsprechenden Stellenwert im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe erhalten.
Sie finden den vollständigen Beitrag unter www.zm-online.de