2022 - Kongress in Magdeburg

Der Öffentliche Gesundheitsdienst - Mitten in der Gesellschaft

Der Öffent­liche Gesund­heits­dienst - Jetzt die Zukunft

Vom 12. bis 14. Mai 2022 fand der 71. Wissenschaftliche Kongress der Verbände des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Magdeburg statt. Es war ein besonderer Kongress – und das in dreifacher Hinsicht:

  • Nach zwei Jahren Pandemie-bedingter Pause konnten wir uns wieder begegnen und Menschen, die wir teilweise nur zweidimensional aus den Web-Konferenzen kannten, persönlich sehen und uns miteinander ungezwungen austauschen.
  • Nachdem die BZÖG-Vorstandsmitglieder dankenswerter Weise zwei Jahre länger amtierend aber trotzdem wie gewohnt fleißig ihre Geschäfte weiterführten, wurde nun in der Delegiertenversammlung ein Generationswechsel vollzogen und vier neue Kolleginnen wurden in den Vorstand gewählt.
  • Erstmals erhält der Öffentliche Gesundheitsdienst mit dem Pakt für den ÖGD die bundesweite Aufmerksamkeit, die dringend notwendig ist. Vier Milliarden Euro gilt es jetzt in den nächsten fünf Jahren für den personellen und digitalen Ausbau des ÖGD einzusetzen, um in der Zukunft zu bestehen - getreu dem Kongress-Motto:

Der Öffentliche Gesundheitsdienst – Jetzt die Zukunft

In der feierlichen Eröffnung des Kongresses wurden die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Finanzmittel und der Pakt für den ÖGD sowohl vom per Video eingespielten Bundesgesundheitsminister Lauterbach als auch von der Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt Grimm-Benne als große Chance hervorgehoben. Grimme-Benne betonte dabei die Bedeutung des von der Gesundheitsministerkonferenz beschlossenen Leitbilds ÖGD, das Charakter und Aufgaben des ÖGD darstellt und die Grundlage für den Ausbau bilden soll.

Dank der hervorragenden Organisation durch Kollegen Niekusch standen wieder vielseitige spannende Vorträge aus Wissenschaft und Praxis auf dem Programm. Traditionell ist die Vorstellung der BZÖG-Landesstelle des Gastgeberlandes am Anfang. Frau Ulrich (Magdeburg) informierte nach einem geschichtlichen Abriss über die aktuellen Gesetze und Aufgaben der Kinder- und Jugendzahnärztlichen Dienste in Sachsen-Anhalt. Beispiele verschiedener Magdeburger Projekte zeigten, dass trotz Pandemie die Kreativität der Mitarbeiterinnen nicht nachgelassen hat: Das Rezeptheft „Fit durch den Tag“ für das Kochen zu Hause und die Aktion „Otto fragt seine Kinder“ (ein Remember book – wie geht es nach Corona weiter) in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendärztlichen Dienst und der Jugendpsychiatrie seien hier besonders erwähnt. „Jetzt die Zukunft“ steht in den Kinder- und Jugendzahnärztlichen Diensten in Sachsen-Anhalt für den Neustart nach Corona, neue Projektideen, die Gewinnung von Fachpersonal durch den Pakt für den ÖGD, den Beitritt des Bundeslandes zur Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, die Nutzung neuer Medien und den Ausbau von Netzwerken. Im Anschluss stellte Frau Gernhardt (Halle/Saale) das Modellprojekt zur Vermeidung der frühkindlichen Karies „Zahnteufel – bei uns nicht!“ vor. In drei Schritten (1. Beratung der Kita-Leitung, 2. Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen und Erziehern, 3. Mitnahme der Eltern) wurde 2014 in einer besonders von Karies betroffenen Kindereinrichtung ein Bonussystem für Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Zähne ein- und durchgeführt – mit dem Ergebnis, dass heute die Kinder die gleichen Chancen auf gesunde Zähne zu Schulbeginn haben wie in anderen Kitas des Landkreises.

Ein wichtiges Ziel der zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen in Kita und Schule ist, dass Kinder mit Behandlungsbedarf den Weg zum Zahnarzt finden. Im Hochsauerlandkreis wurde 2013 gemeinsam mit den niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzten und dem Jugendamt eine Mahnkaskade erarbeitet, mit der eine Nachverfolgung der Behandlungsmaßnahmen möglich und evaluierbar wurde. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die im Gesundheitsamt verankerten Fachkräfte der „frühen Hilfen“, die bei ausbleibenden Rückmeldungen auch Hausbesuche durchführten. In den meisten Fällen reichte jedoch schon ein Erinnerungsschreiben, drei Monate nachdem kariöse Befunde durch den Zahnärztlichen Dienst dokumentiert wurden. Frau Bomkamp (Arnsberg) konstatierte: „nur über Konsequenz wird etwas bewirkt“, fragte sich aber auch, wie es nun nach der Corona-Pandemie sein wird.

In Niedersachsen führte eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Landesgesundheitsamtes die verschiedenen Jahresberichte der Zahnärztlichen Dienste zusammen, berichtete Frau Hespe-Jungesblut (Hannover). Es wurden einheitliche Dokumentationsbögen erarbeitet, eine Arbeitsrichtlinie herausgegeben und die Schnittstellenbeschreibung für die verschiedenen Software-Anbieter erstellt.

„Mundgesundheit von Mutter und Kind: DAJ-Unterrichtsmodule für die Hebammenausbildung“ stellten Frau Berg (Bonn) und Frau Völkner-Stetefeld (Marburg) vor. Ziele der Multiplikatoren-Schulung sind die Überbringung der zwei Botschaften: „Frühkindliche Karies/Nuckelflaschenkaries ist vermeidbar.“ und „Die Mutter kann und sollte effektiv für ihre eigenen Zahngesundheit sorgen.“

Herr Türkyilmaz (Homburg) beleuchtete als Kieferorthopäde das Thema, wie und wann entsprechend der vor kurzem aktualisierten S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“ bestimmte dentoalveoläre Abweichungen im Gebiss der ersten Dentition und im frühen Wechselgebiss diagnostiziert und einer Behandlung zugeführt werden sollten. Den Slogan „schnullerfrei bis 3“ werden wir auch weiter in unsere tägliche Aufklärungsarbeit integrieren können.

Eine andere Art eines intraoralen Gerätes ist die Stimulationsplatte nach Castillo Morales, die Herr Schulte (Witten) wieder in das Bewusstsein geholt hat als Möglichkeit der Behandlung von Kindern mit fehlendem Mundschluss und Protrusion der Zunge, wie es bei dem Down-Syndrom beobachtet wird. Die Platte, die mit einem Reizknopf im dorsalen Bereich versehen ist, kann im Rahmen der Mundsprechstunde in der Abteilung für Behinderten-Zahnmedizin in Witten-Herdecke als Teil einer interdisziplinären Behandlung mit Logopädie, Ergo- und Physiotherapie nicht nur den Schluckmechanismus verbessern. Herr Schmidt (Witten), ebenfalls vom Lehrstuhl für Behindertenorientierte Zahnmedizin Witten-Herdecke erklärte, wie Personen mit frühkindlichem Autismus trotz der Beeinträchtigung in der sozialen Interaktion und Kommunikation zahnärztlich untersucht und behandelt werden können. Er empfahl das Vorgehen Tell-Show-Feel-Feel-Do in einer entspannten Atmosphäre sowie kurze Wartezeiten, die Verwendung von stabilen Medien (Waschmaschine) oder Bildkarten. Dass Kinder mit Behinderungen häufiger unter Zahnschmerzen leiden und seltener regelmäßig Zähne putzen, fand Frau Krause (Berlin) anhand der Auswertung der zweiten Welle der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) heraus. Bei der Inanspruchnahme zahnärztlicher Kontrolluntersuchungen gab es jedoch keine Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung. Weil Kinder je nach Art und Schwere der Behinderung weniger effizient Zähne putzen, plädierte sie für einen Verbesserung des Zahnputzverhaltens. Dabei spielen die Eltern eine tragende Rolle –

Wie aber sollen junge Erwachsene ihren Kindern die richtige Zahnpflege beibringen, wenn sie selbst auch bei „intensivem“ Zähneputzen Plaque am Zahnfleischrand belassen. In bewährter aufrüttelnder Weise zeigte Frau Deinzer (Gießen), dass Gruppenprophylaxe mehr sein muss, als das Zahnputzlied zu lernen. Auch im Rhein-Erft-Kreis, so berichtete Frau Brix (Bergheim), hatte sich der Zahnärztliche Dienst Gedanken gemacht, wie in den weiterführenden Schulen die Schülerinnen und Schüler besser auf ihre Putzdefizite hingewiesen werden können und eine individualisierte Gruppenprophylaxe eingeführt, bei der während der zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung mit Handspiegel und Sonde die Plaque-Akkumulation demonstriert und beim Putzen Hinweise gegeben werden konnten.

Frau Schreiber (Gelnhausen) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit den aktuellen Fluoridierungsempfehlungen. Ihre Nachfolgerin im Main-Kinzig-Kreis, Frau Adolphi (Gelnhausen), berichtete getreu nach dem Motto „Daten für Taten“, dass in Auswertung der Zahnbefunde von fünf Geburtskohorten die Intensivprophylaxe mit der Fluoridlack-Touchierung besonders in den Hauptschulen ausgeweitet werden soll.

Im Abschlussvortrag befasste sich Frau Krayl (Halle/Saale) ebenfalls mit der Auswertung von Daten. Die Zahngesundheit wurde dabei in Relation mit Wohnort, Durchschnittsalter, Geschlecht und weiteren Sozialraumdaten in einem ländlichen Landkreis gesetzt.

Die Diskussionen nach den Vorträgen haben gezeigt, dass die Themen der Vorträge Anregung und Bereicherung für die tägliche Arbeit sein können. Der kollegiale Austausch ist dabei stets ein wichtiger Part dieser Fortbildung. Deshalb freuen wir uns auf den nächsten Kongress vom 26. bis 29. April 2023 in Potsdam.

Jugendzahnpflege in Sachsen-Anhalt M. Ulrich
„Zahnteufel - bei uns nicht!“ - Ein Modellprojekt zur Vermeidung der frühkindlichen Karies J. Gernhardt
„Das Mahnverfahren des ZÄD Hochsauerlandkreis bei dentaler Vernachlässigung - eine Erfolgsgeschichte“ M. Bomkamp
Zahngesundheit in Niedersachsen: Gemeinsam zu besseren Daten K. Hespe-Jungesblut
Mundgesundheit für Mutter und Kind: DAJ-Unterrichtsmodule für die Hebammenausbildung B. Berg
Diagnostik von behandlungsrelevanten Dysgnathien bei Kindern C. Türkyilmaz
Orafaziale Therapie mit Hilfe von Stimulationsplatten nach Castillo Morales A. Schulte
Zahnmedizinische Aspekte bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung P. Schmidt
Zahnschmerzen, Zahnputzhäufigkeit und zahnärztliche Kontrolluntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen L. Krause
Zähneputzen: Wie die Eltern, so die Kinder? R. Deinzer
Alle Krippenkinder bzw. U3-Gruppen putzen mit reiskorngroßer Menge Zahnpasta täglich in der KITA ihre Zähne! A. Schreiber
Entwicklung des Zahnstatus von 5 Geburtskohorten im Main-Kinzig-Kreis G. Adolphi
Gruppenprophylaxe bei Jugendliche- ist das wirklich notwendig? U. Brix
Eine Sozialraumanalyse zur Zahngesundheit von Kindern in einem ländlichen Landkreis N. Krayl

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